9. November 1989. Endlich Bananen! Was waren die Menschen froh. 9. November 1938. Reichspogromnacht. Synagogen brannten, jüdische Geschäfte wurden verwüstet. Jüdinnen und Juden wurden gedemütigt, geschlagen, willkürlich verhaftet, ermordet. Das Gedenken daran fällt vielen immer schwerer, die Geschichte wird zur Last, wenn man sich nicht mit ihr auseinandersetzen möchte. Und doch darf das Erinnern niemals verblassen. Trotzdem frage ich mich, ob das Gedenken daran in Leipzig zu oft ritualisiert wird, ob wir als Nachfahren der Täter nichts aus deren Gräueltaten gelernt haben. Wenn jüdische Einrichtung ganzjährig besonderen Schutz bedürfen. Wenn Faschisten den Holocaust relativieren und leugnen. Wenn Teile des Stadtrates, zum Teil sogar Fraktionsvorsitzende, offen Antisemiten verehren, eine Zusammenarbeit mit Antisemiten anstreben. Wenn biodeutsche Jugendliche mit roter Fahne in der Hand und Tischdecke über den Schultern offen mit der Vernichtung Israels und der Auslöschung jüdischen Lebens im Nahen Osten sympathisieren. Das „Nie wieder!“ darf nicht zur Floskel werden, das Niederlegen von Blumen am 9. November, am 27. Januar, am 8. Mai nicht zum Ritual. Gegen jeden Antisemitismus!

Thomas Kumbernuß, (Die PARTEI), Vorsitzender der Freien Fraktion
Veröffentlicht im Amtsblatt der Stadt Leipzig am 08. November 2025