Anfrage: VIII-F-01607

Antwort: VIII-F-01607-AW-01

Wie unter anderem in der Sächsischen Zeitung und der Leipziger Volkszeitung berichtet, soll die Regionalbahnlinie RB 20 (Leipzig–Eisenach über Weimar/Erfurt) von und nach Leipzig ab dem Fahrplanwechsel 2026 entfallen. Stattdessen soll die neue S-Bahn-Linie S 6 stündlich zwischen Leipzig und Naumburg verkehren.

Diese Änderung hat zur Folge, dass Fahrgäste aus Leipzig und dem Umland keine durchgehende Direktverbindung mehr zu thüringischen Städten wie Weimar, Erfurt und Eisenach haben. Stattdessen ist ein Umstieg in Naumburg erforderlich.

Es wird befürchtet, dass diese Verschlechterung der Direktanbindung zu einem Rückgang der Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs führen wird, da eine Nutzung mit beispielsweise Deutschlandticket und Sachsenticket für Direktverbindungen in IC- bzw. ICE-Verbindungen nicht möglich ist.

Besonders besorgniserregend ist, dass die Entscheidung ohne transparente Kommunikation oder Beteiligung der betroffenen Kommunen getroffen zu sein scheint.

Wir fragen daher an:

1. Wurden die Stadt Leipzig und/oder der Zweckverband für den Nahverkehrsraum Leipzig (ZVNL) in die Planungen zum Wegfall der RB 20 von und nach Leipzig eingebunden? Falls ja: In welcher Form?

Die Linie RB20 durchläuft die Bundesländer Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen und unterliegt somit der Zuständigkeit mehrerer Aufgabenträger für den Schienen-personen­nahverkehr (SPNV). Auf sächsischem Gebiet und somit in der Zuständigkeit des ZVNL liegt dabei der geringste Streckenanteil. Die neue Linienführung der RB20 respektive S6 war ausdrücklicher Wunsch der Länder Thüringen und Sachsen-Anhalt. Die Stadt Leipzig wurde im Rahmen der Gremiensitzungen (Arbeitsgremium, Verwaltungsrat, Verbandsversamm­lung) laufend zur Ausschreibung MDSB2025plus und den damit verbundenen Maßnahmen informiert.

Mit Neuausschreibung des Mitteldeutschen S-Bahn-Netzes (MDSB2025plus) vor ca. 5 Jahren wurde der ZVNL über ein neues Zielkonzept der RB20 bzw. S6 durch die Länder Sachsen-Anhalt und Thüringen informiert und der dringende Wunsch, eine S-Bahn-Anbindung bis Naumburg anzubieten, berücksichtigt. Mit der Einführung der S-Bahn-Linie S6 ab Dezember 2025 wird somit den Wünschen des Umlandes nach einer direkten Anbindung in den Leipziger Citytunnel Rechnung getragen. Im Gegensatz zum aktuellen RB 20-Angebot ermöglicht die S6 ein umsteigefreies Erreichen weiterer innerstädtischer Stationen, wie zum Beispiel Markt, Bayerischer Bahnhof/Uniklinikum und MDR.

2. Seit wann ist dem Oberbürgermeister bekannt, dass die RB 20 von und nach Leipzig entfallen und durch die S 6 ersetzt werden soll? Bitte mit genauer Datumsangabe der ersten Kenntnisnahme und Angabe, wer zu diesem Zeitpunkt informiert wurde.

Die erstmalige Erwähnung einer Brechung der RB20 in Naumburg mit Anschluss an die neue S6 in Richtung Leipzig erfolgte im Arbeitsgremium des ZVNL am 24.06.2020.

3. Welche Position hat der Oberbürgermeister im ZVNL während der Ausgestaltung der Planungen vertreten und wie hat er auf deren Umsetzung hingewirkt?

Die Stadt Leipzig hat die Neuausschreibung des Mitteldeutschen S-Bahn-Netzes intensiv verfolgt. Die Veränderungen in Richtung Markranstädt haben Vor- und Nachteile. Dabei überwiegen langfristig die Vorteile, wenn der noch fehlende Teil der S6 einmal nach Merseburg fährt.

4. Gab es Abstimmungen zwischen der Stadt Leipzig, dem Mitteldeutschen Verkehrsverbund (MDV) und/oder thüringischen Partnern? Falls ja: Mit welchem Ergebnis?

Es gab keine derartigen Abstimmungen. Satzungsgemäß erfolgt die Planung und Koordinierung der SPNV-Leistungen durch den ZVNL, hier im Rahmen der Ausschreibung. Dabei sind die o.g. Zuständigkeiten in den jeweiligen Bundesländern zu beachten. Der MDV ist in keinem der drei Bundesländer Aufgabenträger SPNV und somit nicht zuständig.

5. Hält der Oberbürgermeister die geplante Umstellung tatsächlich für einen Vorteil für die Leipziger Bevölkerung? Falls ja: Aus welchen Gründen?

Das neue S-Bahn-Netz bietet an vielen Punkten Verbesserungen für die Fahrgäste, wird aber für einzelne Personen auch Nachteile mit sich bringen. Den Aufgabenträgern ist bewusst, dass der künftig notwendige Umstieg in Naumburg (Saale) Hbf zwischen der RB 20 und der S6 mit einer Reisezeitverlängerung von 10 Min. für betroffene Reisende von Nachteil ist. Für einen großen Anteil der Fahrgäste ergeben sich durch die direkte Anbindung an den Leipziger Citytunnel jedoch Vorteile. Die S6 schafft neue Direktverbindungen aus der Region zu den Leipziger Stadtteilen.

Zum Zeitpunkt der Entscheidung einer Umstellung von RB 20 auf S6 gab es zudem noch kein Deutschlandticket und die Bedeutung der Linie insbesondere für überregionale Relationen war deutlich geringer. Zwischen 2019 und 2024 hat sich die Nachfrage auf der RB 20 im Verbandsgebiet des ZVNL in etwa verdoppelt, wobei der Freizeitverkehr eine viel größere Rolle spielt.

Unabhängig davon prüft der ZVNL zusammen mit den Nachbaraufgabenträgern weiterhin Möglichkeiten der Angebotsausweitung, wenn die Aufgabenträger mehr Zuwendungen erhalten sollten.

6. Liegen der Stadt Leipzig Analysen vor, beispielsweise aus Fahrgastumfragen, die die erwarteten Auswirkungen auf Fahrgastzahlen und Verkehrsverlagerungen einschätzen? Wenn ja: Wurde dort das „Umsteigen auf den motorisierten Individualverkehr“ als Ziel oder als Kollateralschaden erfasst?

Dem ZVNL und damit der Stadt liegen keine solchen Analysen oder Fahrgastumfragen vor. Die Reisezeit Leipzig Hbf – Erfurt Hbf beträgt heute mit dem SPNV 1:38 h und zukünftig 1:52 h, 38 min im Fernverkehr bzw. 1:56 h mit dem Auto über die Autobahn. Durch den Schienenpersonenfernverkehr werden auf den Relationen zwischen Leipzig und Erfurt sowie Eisenach weiterhin Direktverbindungen angeboten, die gegenüber dem motorisierten Individualverkehr einen deutlichen Zeitvorteil bieten und in der Regel finanziell günstiger sind. Ein nennenswerter Umstieg auf das Auto ist aus dem Grund gebrochener Verkehre im SPNV somit nicht zu erwarten.